Mounjaro und das Herz: Warum moderne Adipositastherapie auch für Herzpatienten wichtig ist
Medikamente wie Mounjaro werden häufig vor allem mit Gewichtsabnahme und Diabetes in Verbindung gebracht. Aus kardiologischer Sicht ist das Thema jedoch wesentlich interessanter: Übergewicht und Adipositas sind eng mit Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe, Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz verbunden.
Eine wirksame Behandlung von Adipositas kann deshalb weit mehr bedeuten als eine niedrigere Zahl auf der Waage. Sie kann Teil einer umfassenden kardiovaskulären Risikostrategie sein.
Was ist Mounjaro?
Mounjaro enthält den Wirkstoff Tirzepatid. Umgangssprachlich wird es häufig zu den „GLP-1-Medikamenten“ gezählt. Medizinisch genauer ist Tirzepatid jedoch ein dualer GIP-/GLP-1-Rezeptoragonist: Es wirkt an den Rezeptoren zweier körpereigener Darmhormone.
Tirzepatid verbessert unter anderem die Regulation des Blutzuckers, vermindert den Appetit und kann zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion führen.
In Europa ist Mounjaro unter anderem zur Behandlung des Typ-2-Diabetes sowie zum Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit Adipositas oder bei Übergewicht und mindestens einer gewichtsassoziierten Begleiterkrankung zugelassen. Dazu können beispielsweise Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe oder kardiovaskuläre Erkrankungen gehören.
Warum interessiert das den Kardiologen?
Adipositas ist nicht lediglich ein kosmetisches Problem. Sie ist eine chronische Erkrankung und eng mit zahlreichen kardiovaskulären Risikofaktoren verbunden.
Mit zunehmendem Körpergewicht treten häufig mehrere Probleme gleichzeitig auf: Der Blutdruck steigt, eine Insulinresistenz oder ein Typ-2-Diabetes entwickelt sich, Schlafapnoe wird wahrscheinlicher und das Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen nimmt zu.
Besonders interessant ist inzwischen die Verbindung zwischen Adipositas und einer bestimmten Form der Herzschwäche: der Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion, kurz HFpEF.
Herzschwäche trotz normaler Pumpfunktion?
Viele Patienten verbinden Herzschwäche automatisch mit einer verminderten Pumpkraft des Herzens. Das ist jedoch nicht immer der Fall.
Bei der HFpEF ist die linksventrikuläre Ejektionsfraktion erhalten. Trotzdem können Patienten unter ausgeprägter Luftnot, eingeschränkter Belastbarkeit, Erschöpfung oder Flüssigkeitseinlagerungen leiden.
Gerade Adipositas spielt bei einem Teil dieser Patienten eine wichtige pathophysiologische Rolle. Deshalb stellt sich zunehmend die Frage, ob die Behandlung der Adipositas selbst Bestandteil der Herzinsuffizienztherapie sein sollte.
Die SUMMIT-Studie: interessante Ergebnisse für Herzpatienten
Besonders relevant sind die Ergebnisse der SUMMIT-Studie. Untersucht wurden 731 Patienten mit Adipositas und HFpEF.
Unter Tirzepatid trat der kombinierte Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod oder einer Verschlechterung der Herzinsuffizienz bei 9,9 % der Patienten auf, gegenüber 15,3 % unter Placebo. Das entsprach einer Hazard Ratio von 0,62.
Der Unterschied wurde vor allem durch weniger Ereignisse einer sich verschlechternden Herzinsuffizienz getragen. Gleichzeitig verbesserten sich Beschwerden und Lebensqualität stärker als unter Placebo.
Das ist kardiologisch bemerkenswert: Bei ausgewählten Patienten mit Adipositas und HFpEF geht es bei einer solchen Therapie also nicht ausschließlich um Gewichtsverlust.
Wichtig ist allerdings die korrekte Einordnung: Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat 2026 keine separate HFpEF-Indikation für Mounjaro erteilt. Die entsprechenden Studiendaten wurden jedoch in die europäische Produktinformation aufgenommen.
Und was gilt für Patienten mit Diabetes und Gefäßerkrankungen?
Auch hierzu liegen inzwischen große Endpunktdaten vor.
In der SURPASS-CVOT-Studie wurde Tirzepatid bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und bereits bestehender atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung mit Dulaglutid verglichen, einem GLP-1-Rezeptoragonisten mit bereits nachgewiesenem kardiovaskulärem Nutzen.
Tirzepatid erwies sich hinsichtlich des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall als nicht unterlegen.
Das ist wichtig, sollte aber nicht überinterpretiert werden: Aus dieser Studie lässt sich nicht ableiten, dass Tirzepatid bei jedem Herzpatienten Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert.
Mehr als Gewichtsabnahme
Für die Kardiologie findet derzeit ein Umdenken statt.
Bei einem Patienten mit Adipositas sollte die Frage nicht ausschließlich lauten:
„Wie viel wiegt der Patient?“
Sondern vielmehr:
„Welche Folgen hat die Adipositas bereits für Herz, Gefäße und Stoffwechsel?“
Bluthochdruck, Diabetes, Dyslipidämie, Schlafapnoe und Herzinsuffizienz können Bestandteile desselben kardiometabolischen Gesamtbildes sein. Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion kann deshalb mehrere dieser Faktoren gleichzeitig günstig beeinflussen.
Genau deshalb gehört die Behandlung von Adipositas zunehmend auch in den Blick des Kardiologen.
Ist Mounjaro für jeden Herzpatienten geeignet?
Nein.
Eine koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz oder ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko allein bedeutet nicht automatisch, dass Tirzepatid eingesetzt werden sollte. Entscheidend sind die zugelassene Indikation, das Körpergewicht, Begleiterkrankungen, bestehende Medikamente und mögliche Kontraindikationen beziehungsweise Nebenwirkungen.
Besonders häufig sind gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen. In der SUMMIT-Studie führten unerwünschte Ereignisse bei 6,3 % der mit Tirzepatid behandelten Patienten zum Absetzen gegenüber 1,4 % unter Placebo. (
Die Therapie sollte daher ärztlich begleitet und in ein Gesamtkonzept aus Ernährung, körperlicher Aktivität und Behandlung der übrigen kardiovaskulären Risikofaktoren eingebettet werden.
Was bedeutet das für die moderne Herzvorsorge?
Kardiologische Prävention endet heute nicht bei Blutdruck und LDL-Cholesterin.
Adipositas, Diabetes, Fettstoffwechsel, Schlafapnoe, körperliche Aktivität und Herzfunktion müssen zunehmend gemeinsam betrachtet werden. Moderne Medikamente zur Behandlung von Diabetes und Adipositas erweitern dabei unsere therapeutischen Möglichkeiten.
Mounjaro ist deshalb aus kardiologischer Sicht interessant – nicht als „Abnehmspritze“, sondern als Bestandteil einer zunehmend kardiometabolisch ausgerichteten Medizin bei dafür geeigneten Patienten.
Dres. med. A. Krapivsky und G. Karakostas
Quellen
Packer M et al. Tirzepatide for Heart Failure with Preserved Ejection Fraction and Obesity. New England Journal of Medicine 2025;392:427–437.
Nicholls SJ et al. Cardiovascular Outcomes with Tirzepatide versus Dulaglutide in Type 2 Diabetes. New England Journal of Medicine 2025;393:2409–2420. (
European Medicines Agency (EMA). Mounjaro (tirzepatide), aktuelle europäische Produktinformation, Stand August 2026.
European Medicines Agency. Assessment of Mounjaro in HFpEF and obesity, Januar 2026.
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