Lipoprotein(a): Der oft übersehene Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall

Viele Menschen kennen ihren Cholesterinwert. Deutlich weniger wissen jedoch, wie hoch ihr Lipoprotein(a)-Wert – kurz Lp(a) – ist. Dabei gehört ein erhöhtes Lipoprotein(a) zu den wichtigen, weitgehend genetisch bestimmten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die aktuellen europäischen Empfehlungen haben die Bedeutung von Lp(a) weiter hervorgehoben: Die Bestimmung sollte bei Erwachsenen mindestens einmal im Leben erwogen werden. Ein Lp(a)-Wert über 50 mg/dl beziehungsweise über 105 nmol/l wird in den aktuellen ESC/EAS-Empfehlungen als kardiovaskulärer Risikomodifikator angesehen.  

Was ist Lipoprotein(a)?

Lipoprotein(a) ist ein Lipoproteinpartikel, das strukturelle Ähnlichkeiten mit LDL aufweist. Die Höhe des Lp(a)-Spiegels wird überwiegend genetisch bestimmt und lässt sich durch Ernährung, Sport oder Gewichtsabnahme nur begrenzt beeinflussen.

Ein erhöhter Lp(a)-Spiegel ist mit einem erhöhten Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Dazu gehören insbesondere koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch für die kalzifizierende Aortenklappenstenose besteht ein Zusammenhang.

Das bedeutet: Auch ein Mensch mit einem gesunden Lebensstil und ansonsten günstigen Laborwerten kann aufgrund eines deutlich erhöhten Lp(a)-Wertes ein zusätzliches kardiovaskuläres Risiko tragen.

Wer sollte seinen Lp(a)-Wert bestimmen lassen?

Die europäischen Empfehlungen sehen die zumindest einmalige Bestimmung von Lp(a) im Erwachsenenalter als sinnvoll an. Auch die amerikanische National Lipid Association empfiehlt inzwischen eine einmalige Messung bei jedem Erwachsenen zur Risikoeinschätzung.  

Besonders relevant ist die Bestimmung bei Menschen mit:

  • frühzeitigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie,

  • bereits bestehender koronarer Herzkrankheit oder anderer atherosklerotischer Gefäßerkrankung,

  • auffällig hohem kardiovaskulärem Risiko trotz scheinbar günstiger klassischer Risikofaktoren,

  • oder bekannt erhöhtem Lp(a) bei nahen Familienangehörigen.

Da Lp(a) weitgehend genetisch bestimmt ist, kann bei deutlich erhöhten Werten auch eine Untersuchung von Familienangehörigen sinnvoll sein.  

Ab wann ist Lipoprotein(a) erhöht?

Eine vollkommen starre Grenze ist problematisch, da das kardiovaskuläre Risiko mit zunehmendem Lp(a) kontinuierlich ansteigt.

Für die praktische Risikobewertung betrachten die aktuellen europäischen Empfehlungen einen Lp(a)-Wert über 50 mg/dl beziehungsweise über 105 nmol/l als relevanten Risikomodifikator. Die amerikanische NLA verwendet ≥50 mg/dl beziehungsweise ≥125 nmol/l als Hochrisikobereich. Die unterschiedlichen nmol/l-Grenzen zeigen zugleich, warum mg/dl und nmol/l nicht einfach mit einem festen Faktor ineinander umgerechnet werden sollten.  

Was kann man bei erhöhtem Lp(a) tun?

Ein erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch, dass eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entstehen wird. Er sollte vielmehr als Teil des individuellen Gesamtrisikos betrachtet werden.

Gerade wenn Lp(a) erhöht ist, kommt der konsequenten Behandlung der beeinflussbaren Risikofaktoren besondere Bedeutung zu. Dazu gehören insbesondere LDL-Cholesterin, Blutdruck, Diabetes mellitus, Nikotinkonsum, Körpergewicht und körperliche Aktivität.

Die LDL-Cholesterin-Zielwerte richten sich dabei nach dem individuellen kardiovaskulären Gesamtrisiko. Die aktuellen ESC/EAS-Empfehlungen bestätigen weiterhin die risikobasierten LDL-C-Zielwerte.  

Gibt es bereits eine gezielte Lp(a)-Therapie?

An spezifischen Medikamenten zur deutlichen Senkung von Lipoprotein(a) wird intensiv geforscht. Dabei werden unter anderem Antisense-Oligonukleotide und siRNA-basierte Wirkstoffe untersucht.

Eine entscheidende Frage lautet allerdings nicht nur, ob sich der Laborwert Lp(a) senken lässt, sondern ob dadurch tatsächlich weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere kardiovaskuläre Ereignisse auftreten.

Hierzu gibt es seit September 2026 eine wichtige neue Entwicklung: Die große Phase-III-Studie Lp(a)HORIZON untersuchte Pelacarsen bei mehr als 8.000 Patienten mit bereits bestehender kardiovaskulärer Erkrankung und erhöhtem Lp(a). Obwohl Pelacarsen den Lp(a)-Spiegel senkte, wurde der primäre Endpunkt hinsichtlich der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse in der Gesamtpopulation nicht erreicht. Die vollständigen Studiendaten sollen noch wissenschaftlich präsentiert werden.  

Andere spezifische Lp(a)-senkende Wirkstoffe befinden sich weiterhin in klinischer Entwicklung. Deshalb bleibt die Frage, ob und bei welchen Patientengruppen eine gezielte starke Lp(a)-Senkung kardiovaskuläre Ereignisse verhindern kann, Gegenstand aktueller Forschung.  

Prävention beginnt mit der Kenntnis des eigenen Risikos

Moderne kardiologische Vorsorge besteht nicht nur aus einem EKG oder der Bestimmung des Gesamtcholesterins. Entscheidend ist die möglichst individuelle Einschätzung des gesamten Herz-Kreislauf-Risikos.

Lipoprotein(a) kann dabei einen wichtigen zusätzlichen Baustein darstellen. Gerade bei familiärer Vorbelastung oder einem unerwartet hohen kardiovaskulären Risiko kann die Kenntnis des Lp(a)-Wertes helfen, das persönliche Risiko besser einzuordnen und die beeinflussbaren Risikofaktoren entsprechend konsequent zu behandeln.

Dres. med. Alexander Krapivsky und Georgios Karakostas
Fachärzte für Innere Medizin und Kardiologie

Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.

Quellen

  1. European Society of Cardiology / European Atherosclerosis Society: 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the Management of Dyslipidaemias.  

  2. National Lipid Association: Focused Update on the Use of Lipoprotein(a) in Clinical Practice, 2024.  

  3. Novartis: Lp(a)HORIZON Phase III topline results, 4. September 2026.  


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